01.07.2004 - Festhalle, Frankfurt, Germany

Review:
from Wormser Zeitung
Gesamtkunstwerk im Netzhemd
Lenny Kravitz lässt in der Frankfurter Festhalle die Muskeln spielen

kaw. In goldenen Lettern prangen Lennys Initialen "LK" über der Bühne, die Sprechchöre der Fans steigern sich zu einem frenetischen Kreischen. Dann stürmt Lenny Superstar auf die Bühne und schmettert mit "Where Are We Runnin´?" den ersten Song ins Publikum. Die Soundprobleme, mit denen die Vorbands Stereophonics und Black Rebel Motorcycle Club zu kämpfen hatten, sind behoben. Alles ist bereit für die Selbstdarstellungsmaschine Lenny Kravitz. Beim rockigen "Always On The Run" fetzt Lenny - neuerdings mit 70er-Jahre Föhnwelle im Retrostyle - über die Bühne. Die mit Silberpailletten besetzte Jeansjacke wirft er von sich, der Blick auf Lennys nun fast nackten Oberkörper - ein transparentes Shirt enthüllt mehr, als es verdeckt - lässt den Lärmpegel im Publikum weiter anschwellen. Kravitz versteht es, das Gesamtkunstwerk Lenny ins rechte Licht zu rücken und sich feiern zu lassen.

Obwohl er wiederholt artig fragt, wie es dem Frankfurter Publikum so geht, kommt er doch eher großspurig rüber. Erinnert seine Aufforderung, die Scheinwerfer aufs Publikum zu richten ("Let me see the people"), doch an das Gebaren eines Monarchen.

Immer wieder wird der Fluss des Konzerts durch endlos lange Jamsessions von Kravitz und seinen Musikern unterbrochen. Lenny will beweisen, dass er alles kann, und schnallt sich nacheinander neben seiner Gitarre noch den Bass um und setzt sich gar hinters Schlagzeug. Was von der musikalischen Seite her betrachtet wirklich Respekt verdient, ist für das Publikum freilich eher ermüdend.

Bei den Songs setzt Lenny auf Bewährtes. Vom neuen Album "Baptism" bekommt die nicht ganz ausverkaufte Festhalle neben "Where Are We Runnin´?" nur "California" zu hören. Richtig in Fahrt kommt die Show leider erst gegen Ende. Da lässt Lenny den Schnickschnack beiseite und macht das, was er am besten kann: Musik. Ohne längere Unterbrechung dazwischen spielt er "American Woman", die Hits "Fly Away" und "Are You Gonna Go My Way".

from Saarbrucker Zeitung
Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist
Eine Zeitreise mit Lenny Kravitz in der Frankfurter Festhalle
Von SZ-Mitarbeiter Ulrich Rüdenauer

Frankfurt. So schön wie heute waren die 70er Jahre nie. Jimi Hendrix beschwört seine Stromgitarre wie eh und je; James Brown fegt noch keineswegs hüftsteif über die Bühne; David Bowie nähert sich seinem Gitarristen auf leicht anrüchige Weise auf den Knien; John Lennon singt immer weiter von der Frieden schaffenden Kraft der Liebe, und der junge Prince weiß gar nicht wohin mit seinen vielen Talenten. Selbst Miles Davis in seiner "Bitches Brew"-Phase schaut kurz vorbei. Gut, dass es Lenny Kravitz gibt. Er ist Hendrix, Brown und Lennon in einer Person. Er verkörpert das, was nicht mehr existiert, auf vollkommene Weise. Kravitz ist der große Retro-Gott. Für ihn sind die 80er und 90er Jahre eigentlich nicht passiert, und die Antiquiertheit seines Sounds scheint er durch schiere körperliche Präsenz abzufangen. In Blitzlichtgewittern kommt Lenny Kravitz auf die Bühne.

Er ist mittlerweile 40, aber für die größtenteils weiblichen Fans in der nicht ganz ausverkauften Frankfurter Festhalle noch immer der "sexiest man alive". Er weiß, was er seinem Ruf schuldig ist: Bei den ersten Stücken trägt er noch eine Weste, dann ein engmaschiges, hautfarbenes Netzhemd, und zu guter Letzt entledigt Lenny sich auch dieses Shirts, um Muskeln und Tätowierungen freizulegen.

Einige seiner Musiker tun es ihm gleich, und so wird man Zeuge einer dramaturgisch ausgefeilten Rock-Peepshow im ganz alten Stil: Entblößte, schwitzende Männer, die Gesten ausagieren, die eigentlich auf dem Index rockistischer Peinlichkeiten stehen. Gitarrensoli geben Gelegenheit, mit dem Hintern zu wackeln. In Schweiß getränkte Handtücher werden ins kreischende Publikum geworfen. Die riesige Verstärkerwand im Hintergrund der Bühne deutet an, worum es geht: um Kraft, Virilität, große Gefühle, um Rock, Rock, Rock.

Lenny Kravitz schafft es in seinen Songs kaum je, ein altbekanntes Gitarren-Riff zu umsegeln. "Fly Away" lautet das Motto des Abends. Zugleich hat das was: Eine Reise in eine Zeit, die von den meisten der Zuhörerinnen in den Windeln erlebt wurde. Der Trip beinhaltet freilich auch Ausflüge in die Motown-Ära. Lenny schmachtet tautologisch, dass es nicht vorbei sei, bis es eben vorbei sei. Und er fordert sein Publikum mit einem mindestens 15 Minuten langen Instrumentalteil heraus: Er setzt sich ans Schlagzeug; es wird gegroovt, aber ganz unaufdringlich. Das Konzert hat etwas Sympathisches: Was sich als authentischer Rock geriert, ist bei aller Ernsthaftigkeit doch immer bloß Zitat und zuweilen unfreiwillig komisch. Es geht nicht um Aufruhr; es ist ein Spiel. Zu Bruch geht hier nichts. Macho-Männer würden Lenny wohl zu feminin finden. Bei Kravitz wird Rock irgendwie zu einer Frau, und die Frauen danken es ihm.

from Wiesbadener Kurier
Retroschick in Endlosschleife
Festhalle Frankfurt: Lenny Kravitz stöbert im Fundus der Vergangenheit
Peter Müller

Knapp zwei Stunden lässt der ehemals hochtalentierte Musiker, der sich heute immerhin noch für den "sexiest man alive" hält, warten. Dann werden die Lichter zum Straussschen Sonnenaufgang aus "Also sprach Zarathustra" heruntergedimmt, der Vorhang stürzt in einen pompösen Bühnennebel und die Selbstdarstellungsmaschinerie stürmt sofort auf Hochtouren. Mit "Where are we runnine" gibt der Mann, der einmal Lenny Kravitz gewesen sein muss und sich gerade für das Coverfoto seiner aktuellen Scheibe "Baptism" als nachdenklich nackter Märtyrer in eine symbolträchtige rote Rosensoße gelegt hat, nun gleich einen pathetischen Bombast-Opener, der die kommenden 120 Minuten seelenloser Jam-Session in einem Song vorwegnimmt. Es ist neben "California" die einzige, und zwar eine dreist entlehnte Nummer des neuen Albums - mehr will der selbst ernannte Prediger des RockeneRoll seinen gut 10 000 Fans in der Festhalle nicht zumuten. Schließlich hat das Strickmuster-Machwerk auch Welt bewegend tiefschürfende Textzeilen wie "I donet want to be a star, just want my chevy and an old guitar" geboren. Immerhin, es reimt sich und die Einsicht ehrt ihn. Mehr Ruhm allerdings wird er sich mit der folgenden, bis ins Letzte aufgeblasenen Sixties-Revival-Show, die aus dem Mäsozoikum der Rockhistorie stammen könnte, auch nicht verdienen können.

Nein, er ist nicht auf den voll besetzten Retro-Zug aufgesprungen. Sein Sound, den viele Fans und er selbst wohl am entschiedensten, für den coolsten der Gegenwart halten, war schon immer ein Patchwork aus Reflexionen der wirklich großen Zeiten des Rock. Led Zeppelin, Kiss und der begabte Jimi Hendrix - das waren die Idole des Kravitzschen Universums, das an diesem ermüdend lärmenden Konzertabend zu einer aufgesetzt wilden und elend rocksistischen Ich-zeig-euch-meine-Power-Inszenierung schrumpft.

Dabei ist nichts dem Zufall oder gar der Improvisation überlassen, scheint doch alles auf den vermeintlichen Superstar mit der glatt geföhnten Prince-Frisur zugeschnitten: Die monströse Wand aus Verstärkertürmen, die unzähligen Scheinwerferbatterien und die über der Bühnenmitte prangende stilisierte Narrenkappe, die sich nach mehrfachen Blinken und genauerem Hinsehen doch als sein "LK"-Zeichen entpuppt. Unter diesen Initialen darf Lenny Kravitz nun ohne Unterlass im Posing-Fundus des vergangenen Vierteljahrhunderts kramen, unter der Sonnenbrille herzeigen, wie ein echter Rocker aussieht und vor einem Ohren betäubenden Sound-Wall Zitate als Endlosschleife bemühen. "Oh Fränkfürrt" brüllt er immer wieder vielsagend, griffig-knuffig ins Auditorium und versucht, den Alleskönner zu mimen. Es ist höllenlaut, oversized, retroschick, es ist zum Haare raufen.

01.07.2004 - Festhalle, Frankfurt, Germany